Die Pädagogik der Illuminaten und die Illuminaten der Pädagogik – zur Sozialisationsgeschichte des Bürgertums im 18. Jh.

Besonders interessant scheint in diesem Zusammenhang der Einfluß der Illuminaten auf die Pädagogik zu sein, bezeichnet man die Aufklärung insgesamt doch auch als das „pädagogische Jahrhundert“. Die Pädagogik der Aufklärung ist dabei von zwei Tendenzen geprägt, die sich zunächst gegenseitig auszuschließen scheinen: Disziplinierung und Humanisierung.
Wie läßt sich totale Unterwerfung unter den Ordensgeneral mit dem Gedanken von moralischer Autonomie und Selbstbestimmung zusammen denken? Die Lösung liegt in Weishaupts soeben schon kurz genannter Geschichtsphilosophie. Sie stellt eine Kombination aus linearer Fortschrittstheorie und einer dialektischen Geschichtstriade dar. Hierbei wird die Geschichtsteleologie der Aufklärung zum Geheimnis der Illuminaten. In Anlehnung an Rousseaus Diskurs über die Ungleichheit wird zunächst die Entsstehung von Unfreiheit und sozialer Ungleichheit als Folge der Entstehung des Eigentums erklärt. Eigentliche Ursache für die Aufgabe des glücklichen Naturzustands ist jedoch die mangelnde Beherrschung der menschlichen Leidenschaften und Bedürfnisse. „Die Geschichte des Menschengeschlechts ist die Geschichte seiner Bedürfnisse […]; diese Entwicklung der Bedürfnisse ist die Geschichte der Vervollkommnung des ganzen Geschlechts.“ Die ungehemmte Bedürfnisbefriedigung bedarf der Herrschaft, umgekehrt macht sich die Herrschaft die Bedürfnisstruktur des Menschen zunutze. „Die Freyheit hat den Despotismus zur Welt gebracht, und der Despotismus führt wieder zur Freyheit.“ So Weishaupt. Bedingung der Möglichkeit von Freiheit sind radikale Triebbeherrschung und Bedürfnisbegrenzung. Sie sind „daher das Ziel von Bildung und damit letztlich auch von Geschichte, deren Movens bislang die Bedürfnissteigerung ist.“ Die Natur wird als „stufenweise Entwicklung eines unendlichen Plans“ begriffen. Im Rahmen seines mechanizistischen Naturbegriffs begreift Weishaupt Freiheit als Einsicht in die Notwendigkeit einer nach strengen Gesetzmäßigkeiten verlaufenden Natur. Die Notwendigkeit und Legitimität einer geheimen Gesellschaft gründet letztlich in der Einsicht in den Plan der Natur. Die geheime Gesellschaft ist so durch Gott und Natur legitimiert, d.h. gleichzeitig: Sie dient dabei als Vermittlungsinstanz.
Ihre hermeneutische Überlegenheit „ist die einzige wahre Quelle der Macht des Menschen über andere Menschen.“ Hier wird der Zusammenhang von Wissen und Macht deutlich. Die Einsicht in den Lauf der Geschichte wird zur Grundlage legitimer Macht, denn „um tausend Blinde zu führen, braucht nur ein einziger zu sehen.“ Der Lauf der Geschichte wird dabei in Analogie zum menschlichen Leben gedacht. „So, wie also der einzelne Mensch, eben so hat auch das ganze Geschlecht seine Kindheit, Jugend, männliches und graues Alter.“ So legitimiert sich auch die Erziehung zur Mündigkeit durch den Geheimbund.
„Alle Unterwerfung, auch der rohesten Menschen, ist also bedingt auf den Fall, daß ich Hilfe nötig habe, daß der, dem ich mich unterwerfe, mir sie zu leisten imstande sei. Mit meiner Schwäche und mit der Überlegenheit des andern hört seine [dessen] Gewalt auf. Könige sind Väter: väterliche Gewalt geht [zusammen] mit der Unvermögenheit der Kinder zu Ende.“
Die hier formulierte Dialektik von Herrschaft und Knechtschaft wird sich später in ähnlicher Form in Hegels berühmter Herr-Knecht Analyse wiederfinden. „Wer andere nicht braucht, ist frei: wer noch dazu andern nutzen kann, ist frei und ihr König.“ „Wo finden sie nun diese Stärke, die sie gegen andere schützen soll? In ihrer Einigkeit? Aber dieser Fall ist zu selten. – Also in neuen, engern, klügern, geheimen Verbindungen; daher das Verlangen nach solchen in der Natur selbst gegründet.“ Nach Weishaupt unterwerfen sich die Schwachen einem Stärkeren, damit er ihnen hilft, sie beschützt und sie belehrt. So erlischt die Gewalt des Vaters über das Kind, wenn dieses dem Kindesalter entwachsen ist. Die Verquickung von Freiheit und Despotismus in der Binnenstruktur des Illuminatenordens erscheint dann nur konsequent: die unteren Klassen verhalten sich zu den Ordensobern wie Kinder zu ihrem Vater. Sobald sie jedoch den Schritt in das Erwachsenenalter vollzogen haben, stehen sie gleichberechtigt neben den anderen Mitgliedern des Aeropags. Der despotische Herrschaftsanspruch erlischt, wenn sein Ziel – die moralische Vervollkommnung des Schülers – erreicht ist. Die den einzelnen von Stufe zu Stufe begleitenden Initiationsriten sind demnach vergleichbar mit klassischen Männlichkeitsinitiationen bzw. antiken Emanzipationsritualen. „Unterscheidung und Gleichheit, Despotismus und Freiheit auf das engste zu verbinden […] ist das Meisterstück der mit der Moral vereinigten Politik.“