Der Wiener Kreis

1924 gründeten Moritz Schlick, Hans Hahn und Otto Neurath einen philosophischen Zirkel in Wien, um eine wissenschaftliche Weltauffassung zu entwickeln und zu verbreiten. In diesem „Wiener Kreis“ fand sich eine Gruppe von Wissenschaftlern verschiedenster Disziplinen, um philosophisches und generell wissenschaftliches Denken exakt zu machen. Zentrale Fragen waren etwa: Wodurch zeichnet sich wissenschaftliche Erkenntnis aus? Haben metaphysische Aussagen einen Sinn? Worauf beruht die Gewissheit von logischen Sätzen? Wie ist die Anwendbarkeit der Mathematik zu erklären?

Der Mathematiker Hans Hahn wollte dabei mit allem Aberglauben gründlich aufräumen, Theologie und Metaphysik mit eingeschlossen, und der Logiker Rudolf Carnap subsumiert Gott und die Seele unter Scheinprobleme der Wissenschaft. Der Physiker Hans Thirring vom Verein Ernst Mach bildete eine Vorfeldorganisation des Wiener Kreises und diente als dessen Popularisierungsorgan. Hans Thirring war dann der Gründungspräsident der Österreichischen Gesellschaft für Psychische Forschung, der Vorläuferin der heutigen „Österreichischen Gesellschaft für Parapsychologie und Grenzbereiche der Wissenschaften“.
Der Philosoph Rudolf Carnap, der Logiker Kurt Gödel und der Mathematiker Karl Menger stießen zu dieser Gruppe, Karl Popper und Oskar Morgenstern standen in einem gewissen Nahverhältnis, wodurch dieser Zirkel zur Hochburg des logischen Empirismus wurde, der sich an Albert Einstein, Bertrand Russell und Ludwig Wittgenstein orientierte.

1929 begann der Wiener Kreis über den Verein Ernst Mach öffentlich zu wirken, doch wurde der Wiener Kreis zur Zielscheibe für die antisemitischen und reaktionären Strömungen an der Universität Wien. Der Verein Ernst Mach wurde verboten und Otto Neurath musste ins Exil fliehen, Moritz Schlick wurde 1936 von einem ehemaligen Studenten erschossen. Der Wiener Kreis löste sich auf.

In der Nachkriegszeit fasste der Wiener Kreis in Wien nicht wieder Fuß, doch er wirkte international weiter und ist aus der Geistesgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts nicht wegzudenken.

Link: https://www.univie.ac.at/AusstellungWienerKreis/der-wiener-kreis.html (18-12-08)