Alleinsein und Einsamkeit

Alleinsein und Einsamkeit haben aus psychologischer Sicht wenig miteinander zu tun, denn Einsamkeit ist nicht an die physische An- und Abwesenheit von Menschen gebunden, schon gar nicht an die Anzahl von Menschen, die man kennt (Phänomen Facebook), denn wer einsam ist, dem fehlen nicht einfach Menschen sondern vielmer das Gefühl, von diesen beachtet zu werden, anerkannt und gebraucht zu werden. Einsamkeit charakterisiert daher in er Regel eine tiefe Unzufriedenheit mit bestehenden Beziehungen. Es gibt immer soziale Situationen im Alltag, bei denen man keinen Menschen kennt, etwa beim ersten Tag an einer neuen Schule, auf einer Party, aber auch beim Blick ins das Zimmer das Kindes, das aus dem elterlichen Haushalt ausgezogen ist, oder die Rückkehr in eine gemeinsame Wohnung nach dem Verlust des Lebenspartners. Wird allerdings ein Mensch sozial ausgeschlossen oder zurückgewiesen, dann wird bei ihm jenes Zentrum im Gehirn aktiviert, das auch bei körperlichem Schmerz aktiv ist, denn in der Geschichte der Menschheit ist die Zugehörigkeit zu anderen überlebenswichtig gewesen. Nicht ohne Grund ist die schlimmste Strafe, die Kulturen weltweit über ihre abtrünnigen Mitglieder verhängen, die Isolation von der Gruppe, etwa als Ausstoß aus dem Clan oder als Einzelhaft.
Das Gefühl, einsam zu sein, ist demnach ein Warnsignal, denn es fordert die Betroffenen dazu auf, Anschluss zu suchen, Kontakte einzufordern, aktiv zu werden. Der Wunsch, Menschen zu haben, denen man vertrauen kann und die sich um einen sorgen, ist Ausdruck eines fundamentalen Bedürfnisses nach sozialem Anschluss (Affiliationsbedürfnis) und emotionaler Bindung. In der Psychologie unterscheidet man daher die soziale Einsamkeit, die einen Mangel an sozialer Integration erfasst, und die emotionale Einsamkeit, die durch einen Mangel an Vertrauenspersonen gekennzeichnet ist. Siehe dazu Risikofaktor Einsamkeit.

Es gibt keine klare Diagnose für Einsamkeit und daher auch keinen statistischen Wert, ab dem jemand einsam ist, sondern man misst das Phänomen der Einsamkeit, indem man Menschen entweder direkt befragt oder indirekt zur sozialen Verbundenheit. Aus den Antworten kann man dann einschätzen, wie hoch der Anteil derjenigen ist, die sich manchmal, oft oder immer einsam fühlen. Sicher ist, dass Einsamkeit zu gravierenden psychischen und körperlichen gesundheitlichen Problemen führen kann, denn chronisch einsame Menschen werden eher depressiv, entwickeln eher Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems und sterben sogar früher im Vergleich zu nicht einsamen Menschen. Luhmann & Hawkley (2016) schätzen, dass zehn bis zwanzig Prozent der Menschen zumindest manchmal von Einsamkeitsgefühlen betroffen sind. Daher wäre es notwendig, die Rahmenbedingungen zu verbessern, um Betroffenen die Teilnahme am täglichen sozialen Leben zu erleichtern, d. h., gezielte Förderung von Initiativen, die sich gezielt an einsame Menschen wenden, kann hilfreich sein. Zusätzlich ist auch ein Ausbau der psychotherapeutischen Versorgung notwendig, denn Menschen, die schon lange chronisch einsam sind, kommen häufig nicht mehr ohne professionelle Unterstützung heraus.

Übrigens: Menschen, die zu lange alleine oder gar einsam sind, fokussieren sich oft sehr stark auf sich selbst, was dazu führen kann, sich erst recht einsam zu fühlen, wobei die Wandlung zum Egozentriker dazu führen kann, dass Mitmenschen zusätzlich auf Abstand gehen. Cacioppo et al. (2017) begleiteten über zehn Jahre Bewohnern von Cook County, Illinois, wobei die Probanden jährlich umfangreiche Fragebögen auszufüllen haben. Dabei stellte man fest, dass Einsamkeit in einem Jahr mit besonderer Ichbezogenheit im Jahr darauf korrelierte, wobei im umgekehrten Fall Ichbezogenheit wiederum Einsamkeit im Folgejahr begünstigte. Die Gesellschaft anderer Menschen mag zwar anstrengend sein, doch ohne soziales Umfeld mutiert man wohl zum Einzelgänger, indem sich Einsamkeit und Ichbezogenheit gegenseitig hochschaukeln.

Literatur

J. T. Cacioppo, H. Y. Chen, & S. Cacioppo (2017). Reciprocal Influences Between Loneliness and Self-Centeredness: A Cross-Lagged Panel Analysis in a Population-Based Sample of African American, Hispanic, and Caucasian Adults. Personality and Social Psychology Bulletin, 43, 1125-1135.
Luhmann, M., & Hawkley, L. C. (2016). Age differences in loneliness from late adolescence to oldest old age. Developmental Psychology, 50(6), 943-959. doi: 10.1037/dev0000117